117/2016

Reformation und Musik

Liebe Christin, lieber Christ,

denke ich an Reformation und Musik, dann erklingen in meinem Kopf sofort die Lieder Martin Luthers. Ganz unbewusst fange ich an zu summen:

"Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen." Oder:
"Vom Himmel hoch, da komm ich her; ich bring Euch gute neue Mär; der guten Mär bring ich so viel, davon ich singn und sagen will." Bald 500 Jahre alt und immer noch populär.

Selbst unser aktuelles Gesangbuch enthält eine Menge Lutherlieder. Damals hat Martin Luther oft populäre Lieder zu geistlichen Liedern gemacht. Aus dem Gassenhauer und Spielmannslied "Ich komm aus fremden Landen her und bring Euch viel der neuen Mär" machte er anlässlich der Bescherung seiner Kinder an Weihnachten 1535 - so die Überlieferung - das Weihnachtslied "Vom Himmel hoch da komm ich her". Die Melodie verändert er dabei ein wenig. So konnte es sofort von den Menschen gesungen werden. Die Melodie kannten sie schon. Der Text war dank Dichtform so einprägsam, dass die Menschen es schnell auswendig konnten. Luther wusste genau, dass das Singen mehr erreicht als nur den Kopf. Wenn ich singe, dann werden Körper, Geist und Seele bewegt.

Die Schwingungen erreichen mich ganz. Mittels der Lieder erreichte die Botschaft der Reformation die Herzen der Menschen. Das, was Luther in der Bibel erkannte, seine zentralen theologischen Erkenntnisse, hat er in die Botschaft seiner Lieder gepackt. Das Lied war dabei die ideale Form, alle Menschen zu erreichen. So erreicht leicht verständlich die Botschaft der Reformation die Menschen. Wenn Martin Luther selbst wieder einmal die Muse küsste, er ein Lied dichtete und dazu eine eingängige Melodie komponierte, sagte er über diese Musik: "Wer sich die Musik erkiest (= erwählt), hat ein himmlisch Werk gewonnen; denn ihr erster Ursprung ist von dem Himmel selbst genommen, weil die lieben Engelein selber Musikanten sein." Musik wird uns also von Gott geschenkt. "Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes, die den Teufel vertreibt und die Leute fröhlich macht." Er nahm dabei die Erkenntnisse der modernen Musiktherapie vorweg.
Er geht noch weiter: "Die Musik ist die beste Gottesgabe - dem Satan sehr verhasst." Ihre Wirkungen schätzte er sehr. "Musika ist eine halbe Disziplin und Zuchtmeisterin, so die Leute gelinder und sanftmütiger, sittsamer und vernünftiger macht." Luthers Lieder sang die ganze Gemeinde. Wo vorher im katholischen Gottesdienst eine Chorschola - ein kleiner liturgischer Männerchor in liturgischen Gewändern, zumeist Mönche - die gregorianischen Gesänge und der Pfarrer den liturgischen Gesang übernahm - beides in Latein - wurde der Gemeindegesang ganz schnell zum besonderen Kennzeichen des evangelischen Gottesdienstes und über den Gottesdienst hinaus ein besonderes Kennzeichen der evangelischen Gemeinde. Das gilt bis heute. Dabei eröffnete Martin Luther nur den illustren Kreis der evangelischen Lieddichter und -komponisten - Michael Prätorius, Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach, Paul Gerhardt, Felix Mendelssohn Bartholdy, Johannes Brahms, Max Reger, Hudo Distler und Dietrich Bonhoeffer - um einige prominente Namen zu nennen.

Die Evangelische Gemeinde ist eine singende und auch durch die Lieder betende Gemeinde, weil viele Lieder auch vertonte Gebete sind. Dabei hat sich bis in die Gegenwart der Kosmos der Evangelischen Musik immer weiter geöffnet bis in zeitgemäße Formen hinein wie Gospel, Rap, Hip Hop, Rock, ganz einfache Kinderlieder und vieles mehr. So kann die Botschaft der Reformation alle Menschen und deren verschiedenste Geschmäcker in Sachen Musik erreichen. Die göttliche "Musika" beugt sich ganz nach unten und erreicht so die Herzen der Menschen, so dass sich ihnen der Himmel öffnet. Sie wissen sich von Gott geliebt und so angenommen, wie sie sind. Wieder beginne ich zu singen:

"Ich bin vergnügt, erlöst und befreit, Gott nahm in seine Hände meine Zeit, meine Zeit. Mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen, mein Triumphieren und Verzagen, das Elend und die Zärtlichkeit, die Zärtlichkeit." (Text: Hanns Dieter Hüsch, Musik: Horst Bracks)

Ihnen und Ihren Lieben eine behütete Zeit: Machen Sie es gut!

Ihr Pfarrer Markus Maiwald

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