116/2016

Reformation und Freiheit

Liebe Christin, lieber Christ,

mit Martin Luther ist das Mittelalter zu Ende. Er war nur Gott und
seinem Gewissen verpflichtet und konnte sich so gegen Papst und
Kaiser stellen. Als Einzelner stellte er sich erfolgreich gegen die
beiden damaligen Großmächte. Die Neuzeit mit ihrer Betonung des
Einzelnen begann mit Luther.

Wie konnte er das? Seine großen Reformen begann er mit einer
kleinen persönlichen Reform. Sie hatte das Motto: "Nimm Dich erst
mal so an, wie Du bist!" Viele Menschen waren damals mit sich
selbst unzufrieden. Sie wollten sich ändern, um - nicht nur vor Gott
- gut und gerecht dazustehen. Deswegen ging Luther ins Kloster -
sein Versuch, ein gutes und gerechtes Leben zu erlangen. Doch
alle Versuche, dort sich selbst zu einem besseren Menschen umzuformen,
scheiterten. Dann entdeckte er: "Gott nimmt mich so,
wie ich bin." Was ich an mir verbessern möchte, brauche ich nicht
zu ändern, denn Gott hat es schon längst durch seinen Sohn Jesus
Christus geändert. Er erkannte: "Ich muss mich nicht für Gott ändern,
um vor ihm gut und gerecht dazustehen. An meiner Stelle ist
Jesus Christus vor Gott gut und gerecht, wie ich es eigentlich sein
müsste." Für Luther war das ein unglaublicher Befreiungsschlag. Er
schreibt: "„Nun fühlte ich mich ganz und gar neu geboren und
durch offene Pforten in das Paradies selbst eingetreten“. Er war
befreit von der Last, ein anderer werden zu müssen. So gewann er
die Freiheit, die Dinge anzupacken, die geändert werden konnten,
bei sich selbst, in Kirche und Gesellschaft. Er schrieb seine Schrift
"Von der Freiheit eines Christenmenschen". Er ging gegen die
"babylonische Gefangenschaft der Kirche" vor.

Mit Luthers Entdeckung der Rechtfertigung begann die Reformation
und die moderne Freiheitsgeschichte. 1848, 1918, 1945 und
1989 wurden möglich, weil sich das Gewissen nicht mehr dauerhaft
in Ketten legen ließ. Rechtfertigung, die Gabe umfassender Freiheit,
heißt: "Gott befreit mich in Jesus Christus von meiner Bezogenheit
auf mich selbst und ich bin dann frei für meine Nächsten
und die Gemeinschaft." Ich werde nicht mehr gemessen an dem,
was ich nach außen darstelle, wie ich persönlich dastehe, sondern
ich weiß, dass Gott mich liebt, dass ich Ihm wertvoll und wichtig
bin. Diese Liebe will ich an meinen Nächsten und die Gesellschaft
weitergeben. Ich will sie leben. Diese meine Anerkennung macht
mich wahrhaft frei und hat unmittelbare gesellschaftliche, kulturelle
und politische Folgen, wie Luther zeigt.

Sie, liebe Christin, lieber Christ, können das auch. Ihnen und Ihren
Lieben viel Kraft und Freude und Gottes Segen dazu und das feste
Wissen ins Herz, dass Gott Sie liebt: Machen Sie es gut!

Ihr Pfarrer Markus Maiwald

   
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